NOVELLE NACH GEORG BÜCHNER
Hören Sie denn nicht die entsetzliche Stimme, die um den ganzen Horizont schreit und die man landläufig das Rauschen nennt – die Ticker, die Meldungen, die Zahlen, die Zahl; seit ich in der stillen Wissenschaft bin, hör ich’s immer, es lässt mich nicht schlafen.
Eine Physikerin, ein Fernsehstudio, eine Erschöpfung: Georg Büchners »Lenz« neu erzählt.
Den 20. fuhr Lenz durch das Land – auf dem Weg zu einem Fernsehstudio, in dem sie seit dreißig Jahren zu Gast ist. Sie ist Physikerin, sie hat gewarnt, gerechnet, gemahnt, und sie ist müde. Oberlin, der Talkmaster, empfängt sie mit der Ruhe eines Mannes, der schon alles gesehen hat. Kaufmann, der Unternehmer, rät ihr, zuversichtlich zu sein, »technologieoffen«, die Angst wegzulassen. Doch je mehr Lenz sich in Ruhe wiegt, desto lauter wird in ihr die eine Frage, die sie nicht mehr loslässt: Was, wenn die Hälfte der Wahrheit nicht reicht? Georg Büchners berühmteste Novelle, 1839 geschrieben, erzählt als Geschichte einer Klimaphysikerin von heute – so genau im Ton des Originals, dass die beiden Zeiten einander die ganze Zeit über die Schulter schauen.
Georg Büchner (1813–1837) schrieb mit gerade zweiundzwanzig Jahren die Novelle »Lenz« – die Geschichte des Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz, der 1778 in geistiger Umnachtung beim Pfarrer Oberlin im Elsass Zuflucht suchte. Büchner selbst starb mit dreiundzwanzig, kurz nach der Fertigstellung seines »Woyzeck«; mit »Dantons Tod«, »Lenz« und »Woyzeck« gilt er heute als einer der bedeutendsten Dramatiker und Erzähler der deutschen Literatur.
novellissimi erzählen klassische Novellen der deutschen Literatur neu – für heute und morgen, in kleinen Bänden von der Länge eines Nachmittags. Jeder Band enthält neben der Neuerzählung ein Nachwort und den vollständigen Originaltext zum Vergleichen.
»Wo das Original die Idylle sucht, sucht die Wiedererzählung die Auseinandersetzung – und schließt damit den Bogen zurück zu Büchner selbst, der Literatur nie als Rückzugsraum verstand, sondern als Einmischung.«aus dem Nachwort, Martin Sell
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