Interview mit der Autorin Daniela Dujmić-Erbe

massel-Newsletter vom 12. März 2026

 

Glückwunsch, Daniela Dujmic-Erbe, zum neuen Buch «Schau in den Spiegel... damit Verständigung gelingt». Danke, dass Sie uns ein paar Fragen dazu beantworten.

Wie ist das Buch entstanden? Was war der Beweggrund, dieses Thema aufzugreifen?

Hintergrund dazu war die Coronazeit. Ich habe da schnell gemerkt, dass das die Art und Weise verändert, wie und worüber wir miteinander sprechen – oder eben auch nicht. Manche Dinge durften nicht gesagt werden. Es gab in der Gesellschaft und auch in meinem Umfeld wenig Zweifel an den Maßnahmen und Entscheidungen. Sogar bei vielen meiner Kollegen stellte ich das fest. Das befremdete mich. Denn es macht ja gerade den Beruf von Beratern, Coaches und Mediatoren aus, Dinge zu hinterfragen und die Menschen aus ihrer Richtig- und Falschdenke herauszuführen. Es gehört zu unseren Aufgaben, darauf hinzuweisen, wenn Schuldige viel zu schnell ausgemacht und Versuche unternommen werden zu spalten. Doch in der Corona-Zeit habe ich andere Blickwinkel und kritische Ansätze weitgehend vermisst.

Gleichzeitig häuften sich Anfragen von Menschen, die von Beziehungsabbrüchen betroffen waren, die in Ehekrisen steckten oder die mit ihren erwachsenen Kindern plötzlich Schwierigkeiten hatten.

Im Unterschied zu meinem ersten Buch, das sich vorwiegend mit Kommunikationstechniken beschäftigt, ist „Schau in den Spiegel…“ eine Einladung, an der inneren Haltung zu arbeiten. Es geht darum, wie sich Haltung auf Kommunikation auswirkt und wie wir sie dahingehend verändern können, dass trotz Differenzen wieder ein Dialog möglich wird.

 

Gibt es eine Essenz des Buches, die Sie hier kurz beschreiben möchten?

Wir Menschen müssen mit dem „Schwarze-Peter-Spiel“ aufhören, also damit, andere dafür verantwortlich zu machen für das, was nicht richtig läuft in unserem Leben. Stattdessen sollte sich jeder fragen: Was kann ich selbst dafür tun, um die Beziehungen in meinem persönlichen Umfeld wieder friedlicher zu gestalten? Wie können wir miteinander reden, ohne uns gegenseitig abzuwerten und zu verletzen, bloß weil es eine andere Meinung dazu gibt.

 

Gab es in Ihrem Leben eine Schlüsselsituation, die Sie selbst dazu gebracht hat, Verständigungsmanagement als Ihr Thema zu definieren?

Verständigung ist der rote Faden in meinem Leben. Meine Eltern kommen aus Kroatien, ich bin in Stuttgart geboren. Ich merkte bei uns daheim die kulturell bedingten Unterschiede und habe vieles miteinander verglichen. Das ging beim Schulranzen und den Essgewohnheiten schon los. Ich fand es richtig, mich in vielen Dingen anzupassen. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass Anpassung und Verständigung unterschiedliche Dinge sind. Je mehr ich mich angepasst habe, desto mehr bin ich in schwierige Situationen gekommen. Zum Beispiel habe ich mir in Beziehungen viel zu viel gefallen lassen. Und in dem Moment, in dem ich mich zur Wehr gesetzt habe, gab es noch größere Konflikte. Mit der Zeit habe ich gelernt, da einen guten Mittelweg zu finden: einerseits konsensorientiert zu sein und andererseits eine klare Zielorientierung zu haben. Anwendungsfelder gibt es genug: ob in Partnerschaft und Ehe, in Freundschaften oder im Beruf. Es ist immer eine Gratwanderung, das eigene Ziel zu verfolgen und gemeinsam zu schauen, wie man zusammenkommt und Win-win-Situationen schafft. Lösungsorientiertes Denken ist mir wichtig, und das ist ein Lernprozess.

Das Buch hat also eine persönliche Komponente. Da beschreibe ich viele Beispiele aus meinem Privat- und Berufsleben sowie Geschichten, die mir zugetragen worden sind.

 


Verleger Martin Sell und Autorin Daniela Dujmić-Erbe

Muss man sich immer einigen? Ist es nicht manchmal besser, nicht mehr in eine Auseinandersetzung zu gehen, wenn es die Situation erlaubt – nicht als Flucht, sondern als Klarheit sich selbst und dem anderen gegenüber?

Man muss nicht mit allen klarkommen. Doch es gibt Lebensbereiche, in denen das unerlässlich ist – z.B. mit Arbeitskollegen. Wenn man bei einem Verständigungsprozess mit seinen Zielen nicht weiterkommt, tut man gut daran, die Bedürfnisse zu hinterfragen – Was brauchst du? Was wünschst du dir? – damit das Ziel neu gestaltet werden kann. Insofern plädiere ich dafür, nicht zu früh aufzugeben in der Kommunikation und stattdessen miteinander die jeweiligen Bedürfnisse zu klären.

 

Ist Dialogkultur nur für höhere Bildungsschichten? Oder anders gefragt: Was macht einen Menschen aus, der Dialog als Kultur begreift? Welche Fähigkeiten sind dazu nötig?

Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass Akademiker vielleicht rhetorisch geschickter oder besser im Argumentieren sind. Doch das heißt nicht unbedingt, dass sie besser mit anderen Menschen umgehen können. Es kommt weniger auf die akademische Bildung an, sondern eher auf die Herzensbildung. Akademisch gebildete und karriereorientierte Menschen haben oft den Kontakt zu ihren eigenen Gefühlen verloren, so meine Beobachtung. Und das macht es ihnen dann auch schwer, in einen gefühlsorientierten Kontakt mit anderen Menschen zu treten und sich auf sie einzulassen. Worauf es ankommt, ist

• dass man sich selbst und dadurch den anderen spüren kann
• dass man dem anderen wohlwollend begegnet
• dass man tolerant ist
• dass man aufgeschlossen ist und andere Meinungen gelten lässt
• dass man großzügig ist
• dass man mehr zuhört als man selber spricht

 

Was sind Ihrer Meinung nach die schwierigsten Konflikte der Menschheit?

Die schwierigsten Konflikte schlummern im Menschen selbst. Der Mensch versteht oft gar nicht, dass im Außen nur die Anlässe sind, die unsere eigenen Unzulänglichkeiten ans Licht bringen. Konflikte im Außen haben immer etwas mit uns bzw. mit unserem Ego zu tun und wie es mit den Situationen umgeht, die uns begegnen. Mit den eigenen Erwartungen an andere, mit dem Rechthaben wollen oder auch mit der eigenen Unklarheit. Wir liegen richtig und der andere liegt falsch. Wir haben Recht und der andere hat Unrecht. Von diesem Ego-gesteuerten Denken können viele Menschen nicht ablassen. Doch mangelnde Selbstreflexion befeuert Konflikte. Es fehlt das Bewusstsein dafür, dass wir selbst die Ursache unserer Konflikte sind. Doch dieses Bewusstsein zu entwickeln, kann man lernen.

 

Haben Sie einen Tipp für unsere Leser, wie es in vermeintlich verhärteten Fronten doch eine Lösung geben kann?

Sind die Fronten verhärtet, tut zunächst einmal Distanz gut: eine Pause, die ein paar Minuten, Stunden oder auch einige Tage dauern kann – je nach Situation. In eskalierten Konflikten geht es darum, sich wieder zu beruhigen: innehalten, frische Luft schnappen, in langsamen Schlucken ein Glas Wasser trinken, tief atmen. Achtsamkeitsübungen tragen dazu bei, dass sich die Empörung und Aufregung legen und Entspannung eintreten kann. Geht man dann wieder miteinander ins Gespräch, ist es ratsam, mehr zuzuhören als selbst zu sprechen. Da können wir auf bewährte Dialogstrukturen zurückgreifen. Zum Beispiel: Jeder darf fünf Minuten seine Sichtweise ohne Unterbrechung und Wertung schildern. Dann erst ist der andere dran. Jede erfolgreiche Konfliktklärung beruht auf einer klaren Struktur, die eingehalten wird. Dazu gehört, dass man am Anfang einer Klärung erst mal hinhört. Und dass man sich am Ende des Gesprächs rückblickend die Frage stellt: Was hat das jetzt bei mir verändert?

 

Liebe Daniela Dujmic-Erbe, ich danke für das klare und informative Gespräch.


Medienecho

Interview mit der Autorin Daniela Dujmić-Erbe Termin

Autorin

Daniela  Dujmić-Erbe

Daniela Dujmić-Erbe

Dr. Daniela Dujmic-Erbe ist zertifizierte Klärungshelferin/Mediatorin. Sie vermittelt vorwiegend bei Konflikten in Unternehmen, Verwaltungen sowie in öffentlichen und sozialen Institutionen. Darüber hinaus bietet sie Workshops und Coachings mit den Schwerpunkten Verständigungsmanagement sowie Selbst- und Teamführung an. Der von ihr entwickelte „VerständigungsWürfel“ – ausgezeichnet vom Deutschen Verband für Coaching & Training – ist eine dreidimensionale Checkliste. Damit lassen sich Gespräche bewusst gestalten und die eigene Haltung reflektieren. Sie ist Gründungsmitglied der Fachgruppe „Gesellschaftliche Dialogräume“ im Bundesverband Mediation sowie Mitglied im Klärungshilfeverein Schweiz e.V..

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